
Ein Sommer auf der Alpe.
Zwischen Bergidylle, echter Arbeit und gelebter Tradition.
Wenn im Tal langsam der Tag beginnt, ist auf der Alpe oft schon einiges passiert. Die ersten Handgriffe sind erledigt, die Tiere versorgt, vielleicht ist bereits gemolken worden. Noch liegt Tau auf den Wiesen, aus dem Stall ist das Muhen der Kühe zu hören, und über den Gipfeln wird der Himmel langsam heller.
Sommer auf der Alpe klingt nach Auszeit. Nach grünen Wiesen, Kuhglocken und einer Hütte mit Aussicht. Und ja – genau so kann es aussehen. Doch das Leben hier oben ist weit mehr als eine idyllische Kulisse.
Eine Alpe ist Arbeitsplatz, Zuhause, landwirtschaftlicher Betrieb und Naturraum in einem. Für einige Wochen oder Monate wird sie zum Lebensmittelpunkt. Der Tagesrhythmus richtet sich nicht nach Terminen im Kalender, sondern nach Wetter, Tieren, Weiden und dem, was gerade ansteht.
In Vorarlberg hat diese Form der Landwirtschaft eine lange Tradition. Mehr als die Hälfte der landwirtschaftlich genutzten Fläche wird alpwirtschaftlich bewirtschaftet. Rund 40.000 Tiere verbringen den Sommer auf mehr als 500 bewirtschafteten Alpen. Rund 1.000 Menschen kümmern sich in dieser Zeit um Tiere, Weiden und Alpprodukte.

Warum eigentlich „Alpe“ und nicht „Alm“?
Wer neu in Vorarlberg ist, stolpert früher oder später über diesen kleinen, aber feinen Unterschied: Hier heißt es Alpe. Nicht Alm.
Das ist kein Marketing-Gag und auch keine besonders alpine Bezeichnung für eine Berghütte. „Alpe“ ist in Vorarlberg die gebräuchliche Bezeichnung für den landwirtschaftlich genutzten Bergraum. Der Begriff gehört zum alemannischen Sprachraum und unterscheidet Vorarlberg sprachlich von vielen anderen Regionen Österreichs, in denen eher von der Alm gesprochen wird.
In Vorarlberg wurden und werden Weideflächen teilweise in mehreren Höhenstufen genutzt: Im Frühsommer geht es zunächst auf niedrigere Weideflächen, die sogenannten Vorsäße. Später ziehen Mensch und Tier weiter hinauf auf die Hochalpen, bevor es im Herbst Schritt für Schritt wieder zurück ins Tal geht.
Das typische Alpleben lässt sich dabei schwer auf eine einzige Uhrzeit festlegen. Wetter, Tierbestand, Arbeitsaufteilung und Art der Alpe spielen eine Rolle.
Fix ist nur: Ausschlafen gehört nicht unbedingt zum Konzept.
Auf manchen Alpen beginnt der Arbeitstag bereits gegen fünf Uhr morgens. Tiere versorgen, melken, Stallarbeiten erledigen, Weiden kontrollieren, Zäune prüfen, Futter organisieren oder Arbeiten rund um die Hütte erledigen – langweilig wird es selten.

Und was machen die Tiere den ganzen Tag?
Und zwar ziemlich viel.
Was auf den ersten Blick nach maximaler Entspannung aussieht, ist gleichzeitig ein wichtiger Teil der Landwirtschaft. Die Weidehaltung nutzt Flächen, die für andere Formen der Landwirtschaft kaum geeignet wären. Gleichzeitig trägt die Bewirtschaftung dazu bei, dass offene Bergwiesen erhalten bleiben und nicht nach und nach verbuschen.
Es ist leicht, das Leben auf der Alpe zu romantisieren. Und natürlich hat es seine magischen Seiten.
Da ist dieser Moment am frühen Morgen, wenn das erste Licht über den Bergen liegt. Die frische Luft. Das satte Grün der Wiesen. Die Ruhe. Ein Blick, der nicht an der nächsten Hauswand endet, sondern irgendwo zwischen Gipfel und Himmel.
Doch hinter diesem Panorama steckt Arbeit.
Die Alpwirtschaft ist ein wichtiger Bestandteil der Vorarlberger Kulturlandschaft. Sie erhält Weideflächen, prägt das Landschaftsbild und bringt hochwertige Produkte hervor. Gleichzeitig ist sie ein Stück gelebte regionale Kultur – nicht etwas, das im Museum stattfindet, sondern etwas, das jeden Sommer aufs Neue gelebt wird.
Auch rund um Warth-Schröcken ist diese Tradition sichtbar.
Bewirtschaftete Alpen rund um Warth-Schröcken.
- Alpe Felle
- Alpe Batzen
- Untere Auenfeldalpe
- Alpe Körb
- Alpe Bürstegg
- Alpe Hirschgehren
- Alpe Hochalp
- ...

Das Alpmuseum „Ufm Tannberg“ erzählt darüber hinaus davon, wie eng Landwirtschaft, Handwerk und das frühere Leben am Tannberg miteinander verbunden waren.
Wer also auf einem Wanderweg an einer Alpe vorbeikommt, sieht nicht einfach nur eine hübsche Hütte vor imposanter Bergkulisse. Sondern einen Ort, an dem gerade gearbeitet wird.

Käse, Milch und das gute Gefühl, zu wissen, wo es herkommt.
Auf vielen Vorarlberger Alpen werden Milch und Alpprodukte direkt vor Ort verarbeitet. Besonders der Bergkäse ist eng mit der traditionellen Bewirtschaftung verbunden. Die Sommermonate in den Bergen gehören damit nicht nur zum Jahreslauf der Tiere, sondern auch zur regionalen Lebensmittelkultur.
Und vielleicht schmeckt eine Jause auf der Alpe genau deshalb ein bisschen anders.
Nicht nur wegen des Ausblicks.
Sondern weil zwischen Käse, Brot und frischer Bergluft eine ganze Geschichte steckt: Weide, Tier, Wetter, Handwerk, Erfahrung und viele Stunden Arbeit.
Doch der Alpsommer dauert nicht ewig.
Je nach Lage und Bewirtschaftungsform beginnt die Saison im Laufe des Frühsommers und endet meist im Spätsommer oder frühen Herbst. Rund um Warth-Schröcken sind verschiedene Alpen von Anfang Juli bis Anfang beziehungsweise Mitte September besetzt.
Und dann kommt der Moment, auf den ein ganzer Sommer zuläuft: der Alpabtrieb.
Die Tiere verlassen die Sommerweiden und kehren zurück ins Tal.

Der Alpabtrieb.
Die Sommermonate sind vorbei.
Die Tage werden kürzer, die Nächte kühler.
Irgendwann ist es Zeit für den Weg zurück ins Tal.
Der Alpabtrieb ist dabei weit mehr als ein einfacher Transport von A nach B. In Vorarlberg gehört er zu den großen bäuerlichen Traditionen des Jahres und wird im Bregenzerwald seit Jahrhunderten gepflegt. In vielen Orten werden die Tiere für den Abtrieb festlich geschmückt und von der Bevölkerung im Tal empfangen. Musik, Märkte, regionale Spezialitäten und gemeinsames Feiern gehören vielerorts dazu.
Was bleibt also von einem Sommer auf der Alpe?
Vielleicht genau diese Mischung.
Die Langsamkeit und die körperliche Arbeit. Die Stille und das frühe Aufstehen. Die Freiheit und die Verantwortung. Der spektakuläre Sonnenaufgang – gefolgt von der weniger spektakulären, aber genauso notwendigen Arbeit, die trotzdem erledigt werden muss.
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum das Alpleben bis heute fasziniert.
Es ist echt.
Wer im Sommer durch Warth-Schröcken wandert, kann dieses Zusammenspiel erleben: grüne Hänge, Tiere auf den Weiden, traditionelle Alpen, regionale Produkte und Wege, die mitten durch eine jahrhundertealte Kulturlandschaft führen.
Vielleicht lohnt es sich beim nächsten Mal deshalb, an einer Alpe nicht einfach vorbeizuwandern.
Kurz stehen bleiben.
Den Blick schweifen lassen.
Das Bimmeln der Kuhglocken hören.
Und sich bewusst machen, dass hier oben gerade ein ganz normaler Arbeitstag ist.
Ein ziemlich besonderer allerdings.







